Im Schema des Parallelvorgangs

Zum wissenschaftlichen Denken in der Psychoanalyse Freuds

Holbein1verzKopf

Die Gesandten, das berühmte Gemälde des Renaissance-Malers Hans Holbein d. J. (1497-1543), stellt eine Szene dar, die Existenzielles enthüllt: die Präsenz des Todes im Leben. Das Leben wird repräsentiert durch die beiden stattlichen Figuren. In ihren prunkvollen Gewändern, ausgestattet mit Herrschaftsinsignien, stehen die Gesandten für die weltliche und kirchliche Macht. Ihre hohe Stellung und ihr Zugang zu Wissenschaft und Kunst sind in symbolischen Attributen dargestellt. Die beiden Personen strahlen Ruhe, Sicherheit und Selbstbewusstsein aus. In dieses Bild prallen Lebens wird gleichsam ein Keil getrieben – symbolisiert durch den lang gestreckten, zum Anamorph verzerrten Totenschädel. Sobald wir das Objekt als Schädel wahrgenommen haben, können wir nicht mehr umhin, aus der Szene etwas Grundsätzliches herauszulesen: Der Tod gehört untrennbar zum Leben. Zwar mag, je nach der Perspektive des Betrachters (aufs Bild wie aufs Leben) mal das eine, mal das andere im Vordergrund stehen, aber beide, Leben und Tod, verbleiben in einer – für uns jetzt nicht mehr wegzudenkenden – ambivalenten Spannung zueinander.

Versuchen wir nun – etwas rudimentär und unwissenschaftlich naiv, so, als gäbe es die modernen Wahrnehmungs- und Gedächtnistheorien nicht – das Geschehen zu beschreiben von dem Moment an, als unser Blick auf dieses Bild fiel, bis zum Verstehen der existenziellen Botschaft: Am Anfang stand ein allmähliches, unvoreingenommenes Erfassen und Zur-Kenntnis-Nehmen unterschiedlicher, klar erkennbarer Bildinhalte. Angelangt bei dem schräg nach oben ins Bild hineinstoßenden, nur undeutlich erkennbaren, merkwürdigen Objekt, hat sich unsere Aufmerksamkeit etwas gesteigert, ein interessiertes Rätseln, was dies denn sein könnte, mag unsere Vorstellungskraft stärker angeregt haben. Dann, mit dem Erkennen des Totenschädels, erfolgte ein Übergang zum Begreifen der zentralen Botschaft – ein letztlich klares emotional-rationales Verstehen, in dem die davor liegende Phase verstärkter Imagination aufgegangen ist.

Wir bewegen uns also hier (und ebenso in anderen Medien) vom ganzheitlichen Wahrnehmen einer Szene über die interessierte Hinwendung zu unklaren oder überhaupt interessanten Details – bei gleichzeitiger Verstärkung der Vorstellungskraft und der Empfindungen – hin zum emotional-rationalen Verstehen und Begreifen der Botschaft einer Darstellung. 
(Anstelle eines Bildes könnte natürlich auch eine bewegte Szene – wie beim Theater, Film, usw. – stehen, oder die unterschiedlichen Erzeugnisse der Literatur, und natürlich auch philosophische und wissenschaftliche Werke.)

Im Sinne dieser allgemeinen Beschreibung verstehe ich:

erstens

  • die Phantasie als in nahezu alle geistigen und emotional-seelischen Lebensäußerungen des Menschen eingebunden und:

zweitens

  • die wissenschaftliche Kreativität als eine durch eigene Ziele und Themen spezifizierte Variante allgemeiner Kreativität.

Wenn sie sich im wissenschaftlich-schöpferischen Arbeiten manifestiert – ich meine: die Hinwendung zu einer Thematik, den interessiert-engagierten Umgang damit (begleitet von emotionalen Regungen, vom Entstehen und Verwerfen von Ideen, Hypothesen und Entwürfen) und schließlich das Ergebnis bzw. den Abschluss des Schaffensprozesses –; wenn sich also die Kreativität manifestiert, zeichnet sie sich im günstigsten Fall aus durch eine gegenüber der Ausgangssituation erhöhte oder komplexere rationale Durchdringung der Thematik.

In diesem Sinne verstehe ich auch Freuds wissenschaftliches Denken im Schema des Parallelvorgangs, das er auf der Grundlage entwickelte, dass physiologische und psychisch-emotionale Vorgänge beim Menschen als untrennbar zusammengehörig gedacht werden müssen.

Wie eben Holbein nicht Leben und Tod als die bekannten zwei Seiten einer Medaille darstellt, sondern als ambivalente Spannung im Leben, so zeigt auch das wissenschaftliche Denken Freuds keine Vorder- und Rückseite.

Es begann (spätestens 1888) damit, dass Freud sich der von anderen Wissenschaftlern diskutierten Suche nach einem Bindeglied zwischen den beiden Wissensgebieten Physiologie und Psychologie nicht anschloss, sondern Physiologie und Psychologie in ein besonderes Korrelationsverhältnis zueinander setzte (indem er die „Lücke“ akzeptierte).

Mit dieser neuen Betrachtungsweise widersprach Freud ausdrücklich Bernheim, der einen radikalen Psychologismus vertrat und an eine rein psychologische, von physiologischen Zuständen im Nervensystem unabhängige Funktion und Wirkung der Suggestion glaubte. 
D. h., alle hypnotischen Phänomene waren für ihn nur Effekte von Suggestion.

In der Aphasiestudie (Zur Auffassung der Aphasien, 1891b) hat Freud seinen neuen Denkansatz weiter ausgearbeitet. Er wandte sich hier u. a. gegen die Auffassung Meynerts, dass Aphasien aus Störungen entweder der Zentren oder der zugehörigen Bahnen im Gehirn erklärbar sein sollen.
Zur Erläuterung: Nach Meynert enthielten die Sprachzentren Zellen, in denen Wortvorstellungen lokalisiert seien, und diese Zentren seien über ein funktionsfreies Rindengebiet durch sog. weiße Assoziationsbündel miteinander verbunden. Freud weigerte sich, eine Nervenfaser über ihren ganzen Verlauf rein physiologisch aufzufassen und sie dann, „mit ihrem Ende ins Psychische einzutauchen und dieses Ende mit einer Vorstellung oder einem Erinnerungsbild auszustatten.” (1891b, 79). Das hätte nämlich zur Folge, dass das gesamte Seelenvermögen an einem bestimmten Punkt oder einer umgrenzten Region des Gehirns lokalisiert wäre.

Für Freud war auch das Sprachvermögen unbedingt etwas Psychisches. Voraussetzung für sein Verständnis von Sprachstörungen war die eben dargestellte Auffassung über das Zusammenspiel von Physischem und Psychischem. Diese wurde nun in zwei Schritten erweitert:

  1. Zwischen physiologischen Vorgängen im Nervensystem und psychischen Erscheinungen sei keine Kausalbeziehung anzunehmen (was sich z.B. bei Fechner findet), sondern: Jedem psychischen Geschehen entspreche ein physiologisches Korrelat, ein durchaus lokalisierbarer Erregungsablauf, ein „schwebendes psychophysisches Verhältnis könnte man sagen. 
Hiermit legte Freud im übrigen auch den Grundstein für seine Repräsentanzen-Lehre.
  2. Diese spezielle Korrelation funktioniere als energetisch-dynamisches Geschehen: „Die physiologischen Vorgänge hören nicht auf, sobald die psychischen begonnen haben; vielmehr geht die physiologische Kette weiter, nur dass jedem Glied derselben (oder einzelnen Gliedern) von einem gewissen Moment an ein psychisches Phänomen entspricht. Das Psychische ist somit ein Parallelvorgang des Physiologischen.“ (ebd., 98).

Nach diesen Grundsätzen konzipierte Freud seinen Sprachapparat.

WortSachVsepia

Der Parallelvorgang wird hier aus den Systemen Sach- und Wortvorstellung gebildet. In ihm bildet das Wort die elementare Spracheinheit, und die Vorstellung die psychische Elementarform. Folglich muss die Wortvorstellung als sprachlich-psychische Einheit betrachtet werden. Seine Bedeutung erlangt das Wort durch die Verknüpfung mit der Objektvorstellung. Die Objektvorstellung wiederum ist ein Assoziationskomplex aus den verschiedenartigsten visuellen, akustischen, taktilen, kinästhetischen und anderen Vorstellungen: „Die Wortvorstellung erscheint als ein abgeschlossener Vorstellungskomplex, die Objektvorstellung dagegen als offener. Die Wortvorstellung ist nicht von allen ihren Bestandteilen, sondern bloß vom Klangbild her mit der Objektvorstellung verknüpft. Unter den Objektassoziationen sind es die visuellen, welche das Objekt in ähnlicher Weise vertreten, wie das Klangbild das Wort vertritt.“ (ebd., 121).

Die bereits in der Vorrede des Übersetzers ausgearbeitete Art der Korrelation, der funktionalen Äquivalenz, bezeichne ich als „relationale Unabhängigkeit“ zwischen Körperlichem und Seelischem. Dabei soll das Wort „relational“ besonders das dynamische Wechselverhältnis zwischen diesen beiden Dimensionen betonen und ausdrücken, dass es ein eher vermittelndes als ein aus- und abgrenzendes ist, „relational“ also auch im Sinne eines anti-hermetischen Denkens (Laplanche).

Das Postulat der Untrennbarkeit von Physiologie und Psychologie, hatte Freud der „Doktrin der Konkomitanz“ des englischen Neurologen John Hughlings Jackson entnommen (mit Konkomitanz meinte Jackson: eine strenge Parallelität zwischen und gleichzeitig die Untrennbarkeit von Bewusstseins- und nervlichen Zuständen). Freud erweiterte dieses Postulat auf Physiologisches und Psychologisches allgemein und schuf damit eine neue Perspektive auf beide (auf physiologische und psychologische Phänomene).

Erst die Sichtweise der „relationalen Unabhängigkeit“ eröffnete somit ein wissenschaftlich-methodisches Spannungsfeld, in dem weder eine völlige Trennung, noch eine Integration angestrebt wird. In diesem Schema des Zusammenspiels von Physiologischem und Psychologischem muss laut Freud jedes einzelne Phänomen einer speziellen Untersuchung unterzogen werden. Aus der Weiterentwicklung dieses Ansatzes entstand die psychoanalytische Methode.

Im Abriss … von 1938, faßt Freud sein grundlegendes Verständnis psychoanalytischen Denkens ein letztes Mal prägnant zusammen:

„Die Psychoanalyse macht eine Grundvoraussetzung [deren Diskussion philosophischem Denken vorbehalten bleibt, deren Rechtfertigung in ihren Resultaten liegt]. Von dem, was wir unsere Psyche (unser Seelenleben) nennen, ist uns zweierlei bekannt, erstens das körperliche Organ und Schauplatz desselben, das Gehirn (das Nervensystem), andererseits unsere Bewusstseinsakte, die unmittelbar gegeben sind und uns durch keinerlei Beschreibung näher gebracht werden können. Alles dazwischen ist uns unbekannt, eine direkte Beziehung zwischen beiden Endpunkten unseres Wissens ist nicht gegeben. […] Unsere beiden Annahmen setzen an diesen Enden oder Anfängen unseres Wissens an.“ (1940a[1938], 67).

Das wissenschaftliche Denken im Schema des Parallelvorgangs, in der Perspektive „relationaler Unabhängigkeit“, macht es möglich, eine Antwort zu geben auf die von Rainer Spehlmann (1953, 88) aufgeworfene Frage, ob es nach den Hypothesen Freuds „überhaupt noch physiologische Erregungsabläufe in der Nervenfaser gebe, die nicht zugleich psychologisch sind, ob nicht jeder Verschiebung somatischer Energie im Körper auch etwas Psychisches entspreche“. Ich meine, es ist von einer „Entsprechung“ zwischen physiologischen Abläufen und psychischen, im Sinne „relationaler Unabhängigkeit“ auszugehen. Eine Aussage darüber, wie das jeweilige Zusammenspiel beim Einzelnen innerhalb dieser „Entsprechung“ einzuordnen ist (z.B. auf einer psycho-somatischen Skala), kann man freilich immer erst nach einer speziellen Untersuchung treffen (mittels der psychoanalytischen Methode).

Diese besondere Art von Freuds wissenschaftlichem Denken wurde jedoch bis heute so gut wie nicht thematisiert: Beispielsweise hat Paul Vogel, der ausgezeichnete Kenner von Freuds Frühschriften und Herausgeber der kommentierten Aphasiestudie, zu Freuds Formulierung vom „Sprung und Wechsel der wissenschaftlichen Betrachtungsweise“ angemerkt: „Von der physiologischen zur psychologischen Betrachtungsweise – Anm. der Hrsg. der Studienausgabe“ [98, Anm.3, 166]. Diese Auffassung wurde immer wieder unüberprüft verbreitet. Z.B. spricht selbst Peter Brückner (1975, 5) von einem Überwechseln Freuds von der Physiologie zur Psychologie. Diese Interpretationen basieren also auf einem Standpunktwechsel, der Freud fälschlicherweise unterstellt wurde. Ein solcher Wechsel, der eine Loslösung, eine Abkehr vom Physiologischen bedeutet hätte, fand aber bei Freud nie statt. In seinen Äußerungen und Schriften, auch wenn sie in rein psychologischen Termini verfasst waren, hat er immer die physiologische oder „körperliche Seite“ – manchmal schrieb Freud auch: „das Biologische“ – mitgedacht! Er hat die bis dahin relativ wenig berücksichtigte und mehr als Appendix zum Physiologischen angesehene psychologische Seite zur physiologischen gleichberechtigt hinzugenommen und dann die psychologisch bedeutungshafte Ebene in ihrem eigenen Recht erforscht, wie Mertens (2004, 129) schreibt.

Die folgende Skizze: „Freud als Grenzgänger zwischen Physiologie und Psychologie“ soll die Entwicklung seines Denkens im Schema „relationaler Unabhängigkeit“ veranschaulichen.

Grenzgängersepia: „Freud als Grenzgänger zwischen Physiologie und Psychologie“

Die immer noch verbreitete Auffassung, Freud habe die psychologische Betrachtung an die Stelle der physiologischen gesetzt, muss also unbedingt korrigiert werden. Freud selbst hat allerdings eine solch unscharfe Interpretation seines Denkens nahe gelegt, indem er mehrfach warnte vor Problemen mit dem psychophysischen Parallelismus Fechners. Z.B. in Das Unbewusste, warnte er vor den „unlösbaren Schwierigkeiten des psychophysischen Parallelismus“ (1915e, 266), und noch im Abriss … – im Zusammenhang mit der Wiederholung seiner Ansicht, die Psychologie sei „auch eine Naturwissenschaft“ (143) –, schreibt er, die Philosophen (offensichtlich Fechner) seien zu der Annahme gezwungen gewesen, „es gäbe organische Parallelvorgänge zu den bewussten psychischen […], die die Wechselwirkung zwischen ‚Leib und Seele’ vermitteln“ (ebd.) – eine Auffassung, die Freud hier ausdrücklich zurückweist, weil sie auf eine Gleichsetzung des Psychischen mit dem Bewussten hinausliefe. Denn: Für die Psychoanalyse sei das Psychische unbewusst, das Bewusstsein „nur eine Qualität desselben, und zwar eine inkonstante Qualität, die häufiger vermisst wird, als sie vorhanden ist.“ (ebd., 144). Freud ist zuzustimmen, dass der theoretische Ansatz eines psychophysischen Parallelismus, wie von Fechner vertreten, das Psychische mit dem Bewusstsein gleichsetzt. Diese Gleichsetzung berührt jedoch allein das Inhaltliche, nicht aber das parallelistische Denken selbst. Dies hatte Freud – so lautet meine These –, spätestens seit 1888 (Vorrede … zu Bernheim) aufgegriffen, ausgearbeitet und weiterentwickelt, ohne es freilich als solches benannt zu haben.

Das von Freud etablierte wissenschaftliche Denken ist hochaktuell, was ich nun abschließend an zwei Beispielen zeigen möchte:

  1. In der Einleitung von Dieter Bürgin zum 1998 erschienenen Buch Erinnern von Wirklichkeiten (Hg.: M. Koukkou, M. Leuzinger-Bohleber u. W. Mertens), lesen wir folgendes: Nach der Betonung des enormen Zunahme an Wissen über unser Gehirn im Vergleich zur Zeit vor rund hundert Jahren könne man heute die Zusammenhänge zwischen dem objektivierbaren Anteil, dem Gehirn, und den subjektiven Erfahrungen, der Psyche besser verstehen. „Ausgangspunkte hierzu bilden die beiden Grundtatsachen: die Existenz des körperlichen Organs und das Vorhandensein unserer Bewußtseinsakte. Dieser duale Aspekt bleibt geheimnisvoll, darf aber nicht davon abhalten, ihn weiter zu erforschen.“ (36).
    Freud war, wie oben dargestellt, der Urheber dieser Grundannahme der Psychoanalyse.
  2. Das zweite Beispiel stammt aus der Neurowissenschaft. Es geht um die Gegenüberstellung von Realität und Wirklichkeit (im Sinne des „kritischen Realismus“) bei Gerhard Roth. Unsere phänomenal wahrnehmbare Welt bezeichnet Roth als „Wirklichkeit“. Wenn wir zustimmen, dass diese phänomenale Welt von unserem Gehirn konstruiert wird, seien wir gezwungen, eine „Welt“ anzunehmen, in der dieses Gehirn als „Konstrukteur“ existiert. Eine solche „transphänomenale“ Welt bezeichnet Roth als „Realität“.

Postulat 1:
Unsere „Wirklichkeit wird in der Realität durch das reale Gehirn hervorgebracht“ (2001, 325).

Diese Unterscheidung erscheint ihm deshalb zwingend, weil sich kein Gehirn selbst, z.B. beim Denken, Wahrnehmen, usw. erleben kann. Empfindungsmäßig ist uns selbst diese Realität nicht zugänglich. Nur andere, z. B. Hirnforscher, können eine Entsprechung zwischen einer Handlung und gleichzeitig ablaufenden neuronalen Vorgängen beobachten und diese in Relation zueinander setzen. Aber empfindungsmäßig sind unser Tun, unsere Handlungen direkt von unseren Absichten bestimmt, wir empfinden kein Gehirn dazwischen. Wir können uns aber vorstellen, dass derartige Vorgänge über unser Gehirn gesteuert werden (sie lassen sich als Hirnfunktionen sichtbar machen), dann haben wir Annahmen über das Entstehen – z.B. des Wahrgenommenem – in unserem Gehirn hinzugenommen, es aber nicht „empfunden, erlebt“.

Wir müssen uns also mit Entsprechungen zwischen „wirklich“ wahrnehmbaren mentalen oder auch psychischen Vorgängen und „realen“ neuronalen Prozessen begnügen. Nach dieser Auffassung wären einschlägige Erkenntnisse über die „Realität“ nur als hypothetische möglich, sie wären nie objektiv wahr. Das physisch-funktionale Gehirn mit all seinen Verbänden von Nervenzellen und deren Aktivitäten ist nicht dasjenige, welches mentale Zustände hervorbringt. Wir entdecken eben keine Farben, Formen, Gedanken, Phantasien und Erinnerungen, sondern – wie gesagt – nur Nervenzellen und deren Aktivitäten.

Postulat 2:
„Wir können in unserer Wirklichkeit nur die Parallelität beider Prozesse feststellen.“ (1994, 363).

Nach Roth bezeichnet „Realität“ somit eine bewusstseinsunabhängige „Welt“, ist eine „hypothetische Dimension“, in der Gehirne existieren, die mentale Prozesse hervorbringen, die uns als Ich konstituieren, uns ein „Innen“ und ein „Außen“ konstruieren, unsere „Wirklichkeit“ erschaffen, zu der freilich auch das Unbewusste im Sinne der Psychoanalyse gehört. Beispielsweise läßt sich bei einer somatoformen Störung des Körper-Schemas die Instabilität der Konstruktion der Körpergrenze zwischen innen und außen mit all ihren emotionalen Auswirkungen und vermuteten unbewussten Aspekten direkt nachvollziehen.

Näheres in: »Phantasie und wissenschaftliche Kreativität in der Psychoanalyse Freuds«


Literatur (ohne Freud):
  • Bürgin, D. (1998): Einleitung, in: Koukkou, M., Leuzinger-Bohleber, M. u. Mertens, W. (Hg.): Erinnerung von Wirklichkeiten, Stuttgart (VIP), Bd. 1.
  • Brückner, P. (1975): Sigmund Freuds Privatlektüre, Köln (RLV).
  • Mertens, W. (2004): Fragen an Freud – Wenn Freud heute noch leben würde, in: Mertens, W., Obrist, W., Scholpp, H. (2004): Was Freud und Jung nicht zu hoffen wagten … , Gießen (Psychosozial).
  • Spehlmann, R. (1953): Sigmund Freuds neurologische Schriften, Berlin, Göttingen, Heidelberg (Springer).
  • Roth, G. (1994): Das Gehirn und seine Wirklichkeit, Frankfurt/M. (Suhrkamp), 2001, 8. Aufl.
  • Roth, G. (2001): Fühlen, Denken, Handeln, Frankfurt/M. (Suhrkamp).