Im Schema des Parallelvorgangs

Die bereits in der Vorrede des Übersetzers ausgearbeitete Art der Korrelation, der funktionalen Äquivalenz, bezeichne ich als „relationale Unabhängigkeit“ zwischen Körperlichem und Seelischem. Dabei soll das Wort „relational“ besonders das dynamische Wechselverhältnis zwischen diesen beiden Dimensionen betonen und ausdrücken, dass es ein eher vermittelndes als ein aus- und abgrenzendes ist, „relational“ also auch im Sinne eines anti-hermetischen Denkens (Laplanche).

Das Postulat der Untrennbarkeit von Physiologie und Psychologie, hatte Freud der „Doktrin der Konkomitanz“ des englischen Neurologen John Hughlings Jackson entnommen (mit Konkomitanz meinte Jackson: eine strenge Parallelität zwischen und gleichzeitig die Untrennbarkeit von Bewusstseins- und nervlichen Zuständen). Freud erweiterte dieses Postulat auf Physiologisches und Psychologisches allgemein und schuf damit eine neue Perspektive auf beide (auf physiologische und psychologische Phänomene).

Erst die Sichtweise der „relationalen Unabhängigkeit“ eröffnete somit ein wissenschaftlich-methodisches Spannungsfeld, in dem weder eine völlige Trennung, noch eine Integration angestrebt wird. In diesem Schema des Zusammenspiels von Physiologischem und Psychologischem muss laut Freud jedes einzelne Phänomen einer speziellen Untersuchung unterzogen werden. Aus der Weiterentwicklung dieses Ansatzes entstand die psychoanalytische Methode.

Im Abriss … von 1938, faßt Freud sein grundlegendes Verständnis psychoanalytischen Denkens ein letztes Mal prägnant zusammen:

„Die Psychoanalyse macht eine Grundvoraussetzung [deren Diskussion philosophischem Denken vorbehalten bleibt, deren Rechtfertigung in ihren Resultaten liegt]. Von dem, was wir unsere Psyche (unser Seelenleben) nennen, ist uns zweierlei bekannt, erstens das körperliche Organ und Schauplatz desselben, das Gehirn (das Nervensystem), andererseits unsere Bewusstseinsakte, die unmittelbar gegeben sind und uns durch keinerlei Beschreibung näher gebracht werden können. Alles dazwischen ist uns unbekannt, eine direkte Beziehung zwischen beiden Endpunkten unseres Wissens ist nicht gegeben. […] Unsere beiden Annahmen setzen an diesen Enden oder Anfängen unseres Wissens an.“ (1940a[1938], 67).

Das wissenschaftliche Denken im Schema des Parallelvorgangs, in der Perspektive „relationaler Unabhängigkeit“, macht es möglich, eine Antwort zu geben auf die von Rainer Spehlmann (1953, 88) aufgeworfene Frage, ob es nach den Hypothesen Freuds „überhaupt noch physiologische Erregungsabläufe in der Nervenfaser gebe, die nicht zugleich psychologisch sind, ob nicht jeder Verschiebung somatischer Energie im Körper auch etwas Psychisches entspreche“. Ich meine, es ist von einer „Entsprechung“ zwischen physiologischen Abläufen und psychischen, im Sinne „relationaler Unabhängigkeit“ auszugehen. Eine Aussage darüber, wie das jeweilige Zusammenspiel beim Einzelnen innerhalb dieser „Entsprechung“ einzuordnen ist (z.B. auf einer psycho-somatischen Skala), kann man freilich immer erst nach einer speziellen Untersuchung treffen (mittels der psychoanalytischen Methode).

Diese besondere Art von Freuds wissenschaftlichem Denken wurde jedoch bis heute so gut wie nicht thematisiert: Beispielsweise hat Paul Vogel, der ausgezeichnete Kenner von Freuds Frühschriften und Herausgeber der kommentierten Aphasiestudie, zu Freuds Formulierung vom „Sprung und Wechsel der wissenschaftlichen Betrachtungsweise“ angemerkt: „Von der physiologischen zur psychologischen Betrachtungsweise – Anm. der Hrsg. der Studienausgabe“ [98, Anm.3, 166]. Diese Auffassung wurde immer wieder unüberprüft verbreitet. Z.B. spricht selbst Peter Brückner (1975, 5) von einem Überwechseln Freuds von der Physiologie zur Psychologie. Diese Interpretationen basieren also auf einem Standpunktwechsel, der Freud fälschlicherweise unterstellt wurde. Ein solcher Wechsel, der eine Loslösung, eine Abkehr vom Physiologischen bedeutet hätte, fand aber bei Freud nie statt. In seinen Äußerungen und Schriften, auch wenn sie in rein psychologischen Termini verfasst waren, hat er immer die physiologische oder „körperliche Seite“ – manchmal schrieb Freud auch: „das Biologische“ – mitgedacht! Er hat die bis dahin relativ wenig berücksichtigte und mehr als Appendix zum Physiologischen angesehene psychologische Seite zur physiologischen gleichberechtigt hinzugenommen und dann die psychologisch bedeutungshafte Ebene in ihrem eigenen Recht erforscht, wie Mertens (2004, 129) schreibt.