Im Schema des Parallelvorgangs

Wir bewegen uns also hier (und ebenso in anderen Medien) vom ganzheitlichen Wahrnehmen einer Szene über die interessierte Hinwendung zu unklaren oder überhaupt interessanten Details – bei gleichzeitiger Verstärkung der Vorstellungskraft und der Empfindungen – hin zum emotional-rationalen Verstehen und Begreifen der Botschaft einer Darstellung. 
(Anstelle eines Bildes könnte natürlich auch eine bewegte Szene – wie beim Theater, Film, usw. – stehen, oder die unterschiedlichen Erzeugnisse der Literatur, und natürlich auch philosophische und wissenschaftliche Werke.)

Im Sinne dieser allgemeinen Beschreibung verstehe ich:

erstens

  • die Phantasie als in nahezu alle geistigen und emotional-seelischen Lebensäußerungen des Menschen eingebunden und:

zweitens

  • die wissenschaftliche Kreativität als eine durch eigene Ziele und Themen spezifizierte Variante allgemeiner Kreativität.

Wenn sie sich im wissenschaftlich-schöpferischen Arbeiten manifestiert – ich meine: die Hinwendung zu einer Thematik, den interessiert-engagierten Umgang damit (begleitet von emotionalen Regungen, vom Entstehen und Verwerfen von Ideen, Hypothesen und Entwürfen) und schließlich das Ergebnis bzw. den Abschluss des Schaffensprozesses –; wenn sich also die Kreativität manifestiert, zeichnet sie sich im günstigsten Fall aus durch eine gegenüber der Ausgangssituation erhöhte oder komplexere rationale Durchdringung der Thematik.

In diesem Sinne verstehe ich auch Freuds wissenschaftliches Denken im Schema des Parallelvorgangs, das er auf der Grundlage entwickelte, dass physiologische und psychisch-emotionale Vorgänge beim Menschen als untrennbar zusammengehörig gedacht werden müssen.

Wie eben Holbein nicht Leben und Tod als die bekannten zwei Seiten einer Medaille darstellt, sondern als ambivalente Spannung im Leben, so zeigt auch das wissenschaftliche Denken Freuds keine Vorder- und Rückseite.

Es begann (spätestens 1888) damit, dass Freud sich der von anderen Wissenschaftlern diskutierten Suche nach einem Bindeglied zwischen den beiden Wissensgebieten Physiologie und Psychologie nicht anschloss, sondern Physiologie und Psychologie in ein besonderes Korrelationsverhältnis zueinander setzte (indem er die „Lücke“ akzeptierte).

Mit dieser neuen Betrachtungsweise widersprach Freud ausdrücklich Bernheim, der einen radikalen Psychologismus vertrat und an eine rein psychologische, von physiologischen Zuständen im Nervensystem unabhängige Funktion und Wirkung der Suggestion glaubte. 
D. h., alle hypnotischen Phänomene waren für ihn nur Effekte von Suggestion.