Tagung 2012

Identität und Identitätsentwicklung im Lebenszyklus – Alter und Identität

In den Lindauer Psychotherapiewochen 2010 hat Michael Ermann in einem Vortrag anhand des Films „Wilde Erdbeeren“ von Ingmar Bergmann eindrücklich gezeigt, welch tragisches Schicksal aus „verpassten“ Chancen zur Identitätsentwicklung resultieren kann. Der fast 80-jährige Professor Borg erlebt in einem Albtraum, 

„dass er nicht in der Lage war, eine innige Beziehung zu auch nur einem Menschen einzugehen, […] auch alle anderen haben Borg nie verstanden […]. Er sieht sich jetzt als ein lebender Toter. Er begreift, dass er letztendlich sein Leben lang nicht Teil einer mitmenschlichen Gemeinschaft geworden ist und sich zu einem egoistischen, gefühlskalten Sonderling entwickelt hat. Er hat es versäumt, sein Selbst in einer Gemeinschaft zu verorten und sein Selbstgefühl aus einem Beitrag für die Gesellschaft zu beziehen. Er hat ein unbezogenes Selbst ohne Identität erworben.“

Oder etwas anders ausgedrückt: Eine tragende Säule seiner Identität ruht auf einem unbezogenen Selbst. Eine gut integrierte Identität zu entwickeln, mit belastbarem Selbstvertrauen und flexibel regulierbarem Selbstwert, hätte vielfältiger Erfahrungen von wechselseitiger emotionaler Bezogenheit mit anderen in allen Lebensphasen bedurft. 

Bei der Identitätsentwicklung handelt es sich um einen lebenslangen Prozess. Für die Entwicklungszeit in Kindheit, Jugend sowie frühes bis mittleres Erwachsenenalter liegt eine breite Palette von Erkenntnissen, Theorien  und therapeutisch gut abgesicherten Behandlungskonzepten bereit. Mit der Identitätsentwicklung im „dritten“ Lebensalter und im höheren Alter beschäftigt man sich gesundheitspsychologisch und psychotherapeutisch erst seit etwa einem Jahrzehnt. Neben einer Vielzahl deskriptiver Materialsammlungen gibt es bis heute relativ wenige Arbeiten, die differenziert und schlüssig die Prozess- und Psychodynamik bei den höchst unterschiedlichen Identitätsausgestaltungen älterer und alter Menschen abbilden.

Die Tagungsreferate sollen den aktuellen Stand dieser Ansätze aufzeigen, und es sollen Perspektiven für mögliche Weiterentwicklungen diskutiert werden. Drei Schwerpunkte wurden hierfür ausgewählt:

  1. Das Identitäts-Schema von James E. Marcia.
  2. Die Relevanz der Theorie des virtuellen Anderen von Stein Bråten für eine Psychodynamik der Identitätsentwicklung im Alter.
  3. Referat L.F.: Zur Geschlechtsidentität – Besonderheiten weiblicher Identitätsentwicklung über den gesamten Lebenslauf.

 

Arbeitsblatt: Identität im Alter – Schema nach J. Marcia 

Schema-Erläuterung

Hand-Out: Zur Theorie von Stein Bråten