Schräge Töne ...

Identität und Originalität

«Jazz ist eine bestimmte Art, sich dem Leben zu stellen»
[Paul F. Berliner]

Ist nicht auch Psychoanalyse und Psychotherapie „eine bestimmte Art, sich dem Leben zu stellen“? 
Neben Theorie und Technik erarbeiten wir uns ja auch ein psychoanalytisch orientiertes Menschenbild, und unsere Erfahrungen mit den Entwicklungs- und Veränderungsmöglichkeiten durch Psychoanalyse und Psychotherapie prägen unsere Lebensanschauungen.

«Jazz ist nicht das, was du tust, es liegt darin, wie du es tust»
[Fats Waller]

Die frühe Jazzgeschichte wurde, wie auch die Psychoanalyse, durch eine Reihe herausragender Individuen geprägt. Die Größen des Jazz wurden nicht von ungefähr „Duke …“, „King …“, „Count …“ genannt; sie haben allesamt stilbildend gewirkt und eigene Sounds, manchmal unnachahmliche Tonbildungen und Phrasierungen geschaffen. Wie vielleicht keine andere musikalische Ausdrucksform bietet Jazz eben ein enormes Potential für die Identitätsbildung und Individualisierung, eine spezifische Möglichkeit für einen Musiker nicht nur sein Können, seine instrumentale Virtuosität, sondern auch seine kreative Begabung zur Entwicklung von Neuem realisieren zu können und damit vielleicht dauerhaft zu einer Ausnahmeerscheinung zu werden.

«Die einzige Sache, die mir keiner nehmen kann, ist mein Sound» [Coleman Hawkins]

 

«Den eigenen Ton, den «‹signature sound› zu entwickeln, ist höchstes Ziel» [David Murray]

 

«Wenn ich dieses Horn nehme […], liegt die Welt hinter mir. Ich konzentriere mich auf nichts als das Horn. […] das ist meine Art zu leben und mein ganzes Leben!» [Louis Armstrong]

Das sich in diesen Zitaten zeigende Bedürfnis nach der Gewissheit, einzigartig und unverwechselbar zu sein, erscheint etwas forciert und nicht gerade selbstverständlich, so als habe die latente Gefahr eines Identitätsverlusts gebannt werden müssen. Es gibt den verständlichen Wunsch, sich eigenständig zu entwickeln, also mit dem „eigenen Ton“, vielleicht einem neuen Stil oder auch nur einer eigenwilligen Interpretation, angenommen zu werden, auch wenn man damit die Hörgewohnheiten vielleicht überfordert. Ähnliche Wünsche beschäftigen jeden Jugendlichen mit all seinen Vorstellungen und Träumen über sein individuelles und gesellschaftliches Leben: Es ist also das Bedürfnis nach Integration, die aber nach eigenen Regeln stattfinden soll.

«Wir verletzen mehr musikalische Gesetze als sonst jemand» [Duke Ellington]

 

«Spiel nicht das, was da ist, sondern das, was nicht da ist!» [Miles Davis]

Solche gewagten, aber verheißungsvollen Impulse und Versuche können natürlich scheitern und zu Persönlichkeitskrisen führen. Schafft es ein Jazzmusiker aber, einen solchen Umbruch durchzusetzen, dann wird er sich nicht nur in seiner Identität gestärkt fühlen, sondern auch rasch Mitstreiter finden, die seinen Stil weiter verbreiten und dadurch ihn und sich selbst bei der weiteren Identitätssicherung unterstützen.

Wenn es nun auch das interessierte Publikum – an das sich solche Appelle richten – schafft, die aus „verletzten Regeln“ entwickelten neuen Jazzstile in seine Hörgewohnheiten zu integrieren, hat dies für die Fangemeinde, neben dem ästhetischen Genuss, auch eine identitätsstiftende Funktion. Man bekommt bereits bekannte Stücke auf neue und interessante Weise dargeboten, erkennt sie wieder und erlebt damit Vertraut-Neues. Auf beiden Seiten werden also sowohl Neuorientierung, als auch die Bestärkung der eigenen Erfahrungen vermittelt und bestätigt.

Freud hat mit seiner zentralen Erfindung, dem theoretischen Gerüst der Traumarbeit, auch einen klaren Bruch im früheren Verständnis und für die Praxis der Traumdeutung herbeigeführt. Er erschütterte die Identität der „Alten“ dadurch, dass er neben einem neuen theoretischen Schema für die Interpretation des Traumgeschehens auch eine neue Deutungsmethode einführte, die primär an den Assoziationen des Träumers ansetzt.

Auf den Jazz übertragen könnte man sagen: Die Traumdeutung war ein neuer Sound, eine neue Tonbildung und führte zu einem neuen Stil in Traumlehre und Deutungspraxis, entstanden durch eine hohe Kunst der reflektierten Improvisation, oder wie Freud selbst es ausdrückte:

«Ich halte darauf, dass man Theorien nicht machen soll – sie müssen einem als ungebetene Gäste ins Haus fallen, während man mit Detailuntersuchungen beschäftigt ist.» [Aus dem Brief Freuds an Ferenczi vom 12.7.1915]

Der Nachhall des damaligen Einfallens ungebetener Ideengäste zeigt sich in der bis heute fortdauernden kulturellen Bereicherung durch die in der Traumdeutung entwickelten Prinzipien. Vermutlich wirken die in unserem Inneren repräsentierten „Inhalte“, die wir über die Aktivierung zentralnervöser Strukturen und entsprechende physiologische Stimulation – vergleichbar mit Sexualität – in einer zeitlich-seriellen Abfolge an die von der musikalischen Darbietung evozierten Emotionen gleichsam anhängen, auch selbst interaktiv. Vielleicht gibt es so etwas wie einen kleinsten gemeinsamen Nenner für den Grad an Übereinstimmung zwischen den intrapsychischen Repräsentanzen des Solisten oder der Musiker und denen des Auditoriums, der zurückmeldet, ob der musikalische Gestaltungsvorschlag (Improvisation, Phrasierung, usw.) angenommen oder vielleicht sogar freudig begrüßt, oder ob er als aversiv empfunden und abgelehnt wurde. Angst oder Panik davor, nicht verstanden zu werden, könnte man dann verstehen als eine subjektiv erlebte Begrenzung der Ausdrucksmöglichkeiten der eigenen intrapsychischen Welt, und dies kann durchaus Potential für eine existenzielle Bedrohung entwickeln.


Kleine Auswahl interessanter Beiträge:

  • Knoblauch, Stephen H., (2000): The Musical Edge of Therapeutic Dialog, The Analytic Press, Hillsdale NJ.
  • Leikert, Sebastian (2009): Stimme und kinetische Semantik in der Musik und in der psychoanalytischen Arbeit. www.sebastian-leikert.de
  • Lichtenstein, David (1993): The Rhetoric of Improvisation: Spontaneous Discourse in Jazz and Psychoanalysis. American Imago 50:2.
  • Raeburn, Bruce Boyd (2004): Psychoanalysis and Jazz, Int. J. Psycho-Anal., 85: 995-997.